• ADACOR
  • FILOO
  • EXOLINK
Adacor - Biz & Trends

Handyverbot an Schulen ist Bankrotterklärung ans Bildungssystem

Chatten, wischen und daddeln sind schon seit dem Sommer passé in Frankreichs Schulen. In Bayern ist das übrigens schon länger so. Doch ist ein Handyverbot tatsächlich die Lösung gegen Ablenkung vom Unterricht? Oder ist es vielmehr ein Hilferuf der Bildungsverantwortlichen, um fehlendes Know-how zur Vermittlung von Medienkompetenz auszugleichen?

Seit den Sommerferien heißt es in Frankreichs Schulen: „Schalte dein Mobiltelefon aus!“
Seitdem ist gesetzlich geregelt, dass Schüler in Vor- und Grundschulen sowie in der Sekundarstufe 1 ihre mobilen Telefone nicht mehr in der Schule nutzen dürfen. Ausnahmen können die Schulen in ihren Hausordnungen festlegen. Bayern regelt das als einziges deutsches Bundesland schon seit zehn Jahren ähnlich wie unsere französischen Nachbarn: Schüler dürfen ihre Handys mitbringen, müssen sie aber ausgeschaltet lassen – und zwar nicht nur im Unterricht, sondern auch während der Pausen und auf dem gesamten Schulgelände. Ausnahmen sind gestattet und die Regel. Mit dem Verbot soll vermieden werden, dass die Kinder zu sehr vom Unterricht abgelenkt werden. Außerdem sollen sie lernen, auch mal offline zu sein. Aber erreicht man mit einem solchen Gesetz das wichtige Ziel, den jungen Lernenden einen kritischen, kreativen und kompetenten Umgang mit Medien beizubringen?

Was bringt ein Handyverbot wirklich?

Ein Pluspunkt des Verbots ist, dass weggesperrte Handys nicht stören. Ohne Frage ist Unterricht in unseren Schulen unmöglich, wenn Schüler ihr Handy wahllos im Klassenzimmer nutzen. Ohne Smartphone sind die Kinder im Klassenzimmer nicht zusätzlich abgelenkt – ein schneller Blick auf das Display oder das Schreiben einer Whatsapp-Nachricht sind passé. Die Lehrer sind weniger gestresst, weil sie die Kinder nicht mehr ermahnen müssen, ihr Handy wegzulegen. Frankreich hat Fakten geschaffen, und in Deutschland gibt es ebenfalls Befürworter für ein generelles Smartphone-Verbot. Dazu zählt neben der Landesmedienanstalt Niedersachsen der Deutsche Lehrerverband, wenn auch nur für jüngere Lernende unter 14 Jahren.

Ein Verbot ist also ein naheliegendes Instrument, um für Ruhe zu sorgen. Aber kann es den gewünschten Effekt bringen? Nutzen tatsächlich Kinder unter 14 Jahren in Deutschland flächendeckend und permanent ihr Handy im Unterricht? Und bringt es gesellschaftlich einen Mehrwert, nachfolgenden Generationen mit Verboten von Anfang an das Vertrauen zu entziehen, dass sie verantwortungsvoll mit neuen Medien umgehen können? Ich bin überzeugt, dass das nicht der Fall ist!

Wir sollten uns eher mit Fragen beschäftigen, die bei diesem Thema direkt im Zusammenhang mit dem Bildungsauftrag der Schulen stehen: Wie können wir zum Beispiel digitale Endgeräte sinnvoll im Unterricht einsetzen, und wie schaffen wir es, Kinder zu medienkompetenten Teilhabern unserer digitalisierten Gesellschaft zu machen? Dabei geht es um mehr als „auch mal offline zu sein“, wie die Landesmedienanstalt Niedersachsen, die für den Jugendschutz im Internet zuständig ist, es als Teil von Medienkompetenz definiert. Wenn ein Handyverbot im Unterricht damit gleichgesetzt wird, keinen kontinuierlichen Einsatz von digitalen Endgeräten zur Vermittlung von Unterrichtsinhalten zuzulassen, dann müssen wir einen sehr kritischen Blick auf diese Entscheidung werfen.

Zwischen Medienkompetenz und Handyverbot schwelt ein Zielkonflikt

In Schulen Medienkompetenz zu vermitteln, die besagt, dass man „auch mal offline sein sollte“, scheint doch ein zu einseitiger Ansatz zu sein. Unser Alltag und Berufsleben werden immer digitaler, und der Umgang mit den neuen Medien zählt bereits heute zu den wichtigsten Schlüsselqualifikationen. Wäre es da nicht viel schlauer, digitale Endgeräte wie Smartphones als Lernwerkzeuge pädagogisch und didaktisch fundiert im Unterricht zu verankern? Lehrer könnten ihre Schüler dazu anleiten, neben den Gefahren die Vorteile von Internet & Co. zu entdecken. Zur Bearbeitung bestimmter Aufgaben – zum Beispiel zur Recherche – könnten die Schüler dann ihr Smartphone nutzen.

Von einer solchen chancenorientieren Sichtweise sind die meisten Schulen meilenweit entfernt. Das liegt zum Teil daran, dass es in den Kollegien an Medienwissen und Nutzerkompetenz mangelt, ganz sicher aber auch daran, dass es an guten Konzepten für neues Lernen fehlt. Das Kultusministerium und damit die Politiker sind zwar überwiegend gegen ein Verbot, die Verantwortung für eine sinnvolle Nutzung digitaler Medien schieben sie aber auf Schulen und Lehrkräfte ab. Sie sollen selbst entscheiden, ob und wie sie Smartphones oder Tablets in der Klasse einsetzen. Und ein Schulfach „Neue Medien“ ist in digitalen Zeiten in Deutschland noch immer Science-Fiction. Hinzu kommt, dass die technische Ausstattung unserer Schulen nicht ansatzweise den modernen Anforderungen entspricht.

Strategien mit denen Unternehmen ihren Cloud-Erfolg steigern

Ausgzeichnete DevOps Private Cloud – Adacor erhält Innovationspreis
Wenn Daten umziehen müssen – Storage Migration in der Praxis
Was genau ist "Digitalisierung"– Aufteilung in Bereiche bringt Klarheit

IT-Magazin komfortabel lesen!
Jetzt PDF hier downloaden

Wo also sollte die Reise hingehen?

Am Ende ist es aber zu kurzsichtig gedacht, wenn wir nur darüber sprechen, wie wir digitale Endgeräte als festen Bestandteil im Unterricht verankern. Vielmehr müsste es darum gehen zu überlegen, welchen Anforderungen sich unsere Kinder in Zukunft stellen müssen. Brauchen wir in unserer Gesellschaft Schulabgänger, die jede Menge Fakten gelernt haben, von denen sie schon ein Jahr nach ihrem Abschluss vielleicht noch 20 Prozent abrufen können? Geht es nicht eher darum, Zusammenhänge knüpfen zu können, lernbereit zu sein, neugierig zu bleiben, zu wissen, wo man welche Inhalte findet und in der Lage zu sein, eigenständig Lösungen zu finden und sich Themengebiete zu erarbeiten. Diese Agilität ist auch im Arbeitsleben gefragt, Veränderungen sollte man als Chance sehen, seine Teamfähigkeit immer wieder auf den Prüfstand stellen, Selbstmanagement erlernen – und das soziale Miteinander verstehen. Kurzum: Jeder sollte darin bestärkt werden, sich immer und immer weiterentwickeln zu wollen.

Die Politik müsste viel genauer hinsehen und -hören, welche Unterstützung Schulen und Lehrer wirklich brauchen. Wo wir von festgetretenen Pfaden abweichen müssen, wie die Lehrpläne der Zukunft aussehen können und ob Lehrer nicht viel mehr coachen und anleiten sollten, als bloß zu unterrichten. Die Schüler von heute brauchen keine Anleitung zur Handynutzung – diese Wischkompetenz bringen sie sich selber und in ihren Peergroups bei. Was sie lernen müssen, ist das Wissen um die Zusammenhänge in der digitalen Welt. Um zu begreifen, wie machtvoll das Internet ist, müssen Schüler verstehen, wie es funktioniert. Erst dann können sie lernen, wie und wozu sie es sinnvoll nutzen können, welche Gefahren es birgt und wie Inhalte zu bewerten sind. Ein Totalverbot von Handys an Schulen kann daher kein Modell für Deutschland sein.

Bleiben Sie up to date und abonnieren Sie den zweiwöchigen ITQ-Newsletter. Dazu tragen Sie bitte unten Ihre E-Mail ein.

Tags: , , , ,

Verwandte Artikel